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SUBCULTURE

Berghain
and Beyond

Words by Sven von Thülen
Photos by Tilman Brembs
Courtesy of Museum of Youth Culture

Wir erkunden, wie die einst geteilte Stadt Berlin zu einem globalen Epizentrum des Miteinanders und der Selbstdarstellung wurde. Alles einsteigen in den Rave-Zug.

Berlin gilt als ein Mekka für elektronische Musik in allen Formen und Ausprägungen. Und Techno ist sein schlagendes Herz. Seit den frühen 90er Jahren haben Clubs wie Tresor, Planet, e-werk, WMF, Ostgut oder Berghain die Ästhetik und Wahrnehmung von zwei Generationen der Rave-Kultur geprägt - weit über die Stadtgrenzen hinaus. Die Rave-Kultur hat Berlin geprägt wie keine andere Jugendkultur vor ihr. Dass die Stadt und ihre Clubszene zu solch international beachteter Berühmtheit gelangten, war nicht zuletzt reiner Zufall.

Damals, Ende der 80er Jahre, während tausende britische Raver, angeheizt von Acid House und frühem Techno, auf den Feldern entlang der M5 in Großbritannien den zweiten Summer of Love feierten, war Berlin nur ein Staubkorn auf der internationalen Club-Landkarte. Die Stadt war noch in Ost und West geteilt, getrennt durch die Berliner Mauer. Letztlich war es eine Rockstadt, wohlgemerkt eine experimentelle. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten wie Frankfurt oder Hamburg war Berlins damals überwiegend schwule Clubszene klein. Die Loveparade steckte noch in den Kinderschuhen. Niemand konnte voraussehen, dass sie innerhalb von zehn Jahren fast 2 Millionen Raver aus aller Welt anziehen würde.

Dann, im November 1989, fiel die Mauer. Ein Katalysator von historischem Ausmaß. Eine unwahrscheinliche politische Kernschmelze, die eine Kette von beispiellosen Ereignissen in Gang setzte, die den Ton für alles angab, was seitdem folgte. Innerhalb weniger Wochen brach die Verwaltung Ost-Berlins zusammen; die ehemalige DDR-Hauptstadt wurde zu einer "temporären autonomen Zone". Plötzlich gab es all diese Räume zu erforschen und neu zu nutzen. Die Gesetze von einst galten nicht mehr. Es entstand ein einzigartiger kreativer Spielplatz voller anarchischer Energie und unendlicher Möglichkeiten. Und Techno wurde der Soundtrack dieser turbulenten Zeit.

Diese neue, rohe, krasse Maschinenmusik, die aus Städten wie Detroit, Chicago, Gent, Sheffield oder Manchester kam, verkörperte eine neue Ära. Nicht nur klanglich, sondern auch gesellschaftlich. Die reine kinetische Energie dieser neuen Klänge enthielt das Versprechen von Freiheit. Sie spiegelte den Optimismus der damaligen Zeit wider. Die Mauer war verschwunden, der Kalte Krieg war zu Ende. Das Jahr 2000 lauerte am Horizont. Computer und digitale Technologie begannen sich wie Befreiungsmaschinen anzufühlen, nicht wie Überwachungsmaschinen.

Techno war eine Musik, die zum Mitmachen aufrief, ein Sound der flachen Hierarchien. Die Fortsetzung des DIY-Ethos des Punk. Über Jahre hinweg erfand er sich quasi von Woche zu Woche neu. Und die Szene, die sich um ihn herum bildete, überwand soziale Barrieren. Menschen, die sich sonst nie begegnet wären, tanzten nun in dunklen, verschwitzten Clubs, Körper an Körper, stundenlang. Die Tanzfläche als Ort der Katharsis. Kaum ein Musikgenre hat so viele unterschiedliche Menschen mit einem gemeinsamen Glücksgefühl zusammengebracht. Nicht nur in der Berliner Szene.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands in den 90er Jahren wurde Berlin zu einem der Epizentren einer globalen Jugendkultur, deren schillerndster Ausdruck die exponentiell wachsende jährliche Love Parade ist.

In den späten 90er Jahren erreichte Techno seinen kommerziellen Höhepunkt. Im Zuge des Mainstream-Erfolgs wurde er verwässert und verlor seinen kreativen Funken. Während die Medien das Interesse verloren, ging die Szene zurück in den Untergrund. In den 2000er Jahren hatten einst lebendige lokale Szenen und Clubs in ganz Deutschland zu kämpfen. Nicht so in Berlin. Verjüngt stieg es auf und festigte seinen Status als weltweit führender Techno-Hotspot und Ziel für Clubber aus aller Welt. Und wieder spielte der Zufall eine große Rolle bei dieser Entwicklung.

Im Jahr 2004 landeten die ersten Easyjet-Flugzeuge in Berlin. Im Vergleich zu anderen westlichen Großstädten wie London, Paris oder New York waren die Lebenshaltungskosten billig, der wirtschaftliche Druck gering und Berlin befand sich auch 15 Jahre nach dem Mauerfall noch im Wandel mit vielen freien Flächen im Herzen der Stadt. Einzigartige Umstände, die die Phantasie kreativer und zukunftsorientierter Köpfe kitzelten. Historisch liberale Sperrstundengesetze trugen nur zum Reiz einer Stadt bei, die freie Meinungsäußerung versprach und sich als "arm, aber sexy" zu vermarkten begann.

Mitte der 2000er Jahre wurde Berlin schließlich zu einer wirklich internationalen und vielfältigeren Metropole. Während die Welt davon Notiz nahm und die Zahl der Touristen und Expats wuchs, führte die Berliner Clubszene ihre Traditionen fort: Tanzen in brutalistischen, postindustriellen Räumen, Ablehnung der Celebrity-Kultur und Begrüßung derjenigen, die kommen, um zu erkunden und mitzugestalten, anstatt einfach nur die Vorzüge einer Stadt zu konsumieren, die niemals zu schlafen scheint. Als sich die Zusammensetzung der Berliner Bevölkerung änderte, wurden einige der fortschrittlichsten Partyreihen und Clubnächte von Auswanderern aus der ganzen Welt initiiert: Homopatik, Gegen, Buttons, Lecken, Creamcake, Cocktail D'Amore, Pornceptual ... die Liste geht weiter - und ist ein Zeugnis für die kreative Kraft der LGBTQ+-Community der Stadt.

Heute, im Jahr 2020, ist die jüngere Vergangenheit Berlins fast so mythologisiert wie die anarchischen Anfänge in den frühen 90er Jahren. Geschichten von Ausschweifungen und 72-Stunden-Party-Marathons in berühmten Clubs wie dem Berghain oder der Griessmühle prägen noch immer das Bild der Stadt. 30 Jahre nach dem großen Knall des Mauerfalls ist die Clubkultur ein Teil der DNA der Stadt. Sie ist ihre größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Und doch steht sie im Zuge der Corona-Pandemie vor einer existenziellen Bedrohung. Von der Politik vernachlässigt, sind die Auswirkungen der Pandemie die mit Abstand größte Herausforderung, die die Clubkultur bisher erlebt hat.

Was auch immer die Zukunft bringt, es gibt eine neue Generation, die darauf wartet, ihre Spuren in der Geschichte des Raves zu hinterlassen. Trotz der Herausforderungen von Kommerzialisierung, Homogenisierung oder Gentrifizierung, die mit 30 Jahren Clubkultur einhergehen, kann Clubbing in seinen besten Momenten immer noch Unterschiede transzendieren, als ob sie keine Rolle mehr spielen. Solange man bereit ist, loszulassen und mitzumachen.

Hör dir unsere Playlist an, inspiriert von der Energie der Szene.

Tilman Brembs